Optimierungswahn in der Wirtschaft - wie erkennen, wie entkommen?

Dieser Text wurde im Rahmen meiner monatlichen Sendung Bliss to Business beim unabhängigen Radiosender Radiofabrik Salzburg im August 2021 gesendet. Er ist immer noch aktuell.

 

Wahn ist für mich keine Verhaltensmarotte, eine schlechte Angewohnheit, über die man hinweg gehen kann, indem man sagt „spinnt ihr?“ und dann lachen alle und der Spuk hat sich.

 

Im Wahn zu leben, bedeutet sich in einem ständigen Alarmzustand zu befinden.

In der Wirklichkeit zu leben, bedeutet, sich Grenzen zu stellen,

Widersprüchlichkeiten auszuhalten und die Sinne sensibel zu halten.

 

Im Wahn ist jede Wahrnehmung grausam eindimensional – Gefahr, aber auch Lust oder Stärke.

In der Wirklichkeit wechseln wir: zwischen Gefahr und Sicherheit, Lust und Unlust, Stärke und Schwäche.


Wahn ist wie der verunglückte Bruder von Fantasie und Vorstellungskraft.

 

Die beiden aktivieren wir, um uns unbeschwerter und weitsichtiger zu machen. Wahn dagegen lotst uns in geistige Kurzschlüsse, unberechenbare Gefühlsausbrüche und nicht enden wollende Getriebenheit.

Liefert ein Unternehmen sein Bedürfnis nach Verbesserung, Weiterentwicklung und Zukunftsaussichten dem Wahn aus, dann steht es im Bann von Optimierungswahn. „Freundliche Optimierung“, eine Optimierung, durch die wir uns das Leben erleichtern, das Leben ressourcenschonend angehen, wird verunstaltet und ins Gegenteil verkehrt.

 

Optimierungswahn kreiert „bösartige Optimierung“.

Wie?

Optimierungswahn

 richtet die Fantasie zugrunde,

erlaubt keine Entspannung, keinen Frieden,

macht unbeherrscht, launisch, hyperempfindlich,

kennt nichts Wertvolles.

 

Der Horror, den Optimierungswahn auslöst, zeigt sich in seiner Freischaltung von Zerstörungswut, Kontrollzwang und Herrschsucht. Optimierungswahn hat diesen Schrecken weil er Regieanweisungen von starken, negativen Gefühlen bekommt: Gier, Misstrauen und Hass.

 

Gier triggert Herrschsucht. Der Optimierungswahn spricht: "weitreichende Macht und ungehinderte Einflussnahme, davon kann es nie genug geben".

 

Misstrauen feuert Kontrollzwang an. Der Optimierungswahn spricht: "Nur wer und was unbarmherzig beobachtet und zurechtgestutzt wird, dem ist zu trauen".

 

Hass beflügelt Zerstörungswut. Der Optimierungswahn spricht: "Alles, was mich stört, jeder, der mich befremdet, das und die hau ich weg".

 

Optimierungswahn wird also von einem brisantem Gefühlscocktail gesteuert. Deshalb ist es ein Trugschluss, er sei nur der Plot eines Gruselfilms, den wir abschalten können, wenn wir meinen, genug zu haben.

 

Optimierungswahn ist Teil eines Wirtschaftslebens, das immer absurder wird.

 

Die Internationale Wirtschaft geht in bizarre Handelskriege.

Es ist eine Flut von Produkten auf dem Markt, die wir überhaupt nicht brauchen. Von Schlankheitspillen bis zur Suppe im Mini-Glas.

Trotz Pandemie bleiben Branchen unverändert ohne neues Verständnis für Gesundheit.

Die Tourismusbranche will den Massenurlaub nicht aufgeben.

Das Auto klemmt im Schnelligkeitsrausch fest.

 

Der Ausbruch aus dem Irrenhaus des Optimierungswahn gelingt uns nicht so. Nicht durch Emotionslosigkeit - das ist als Gegengift zu fad. Nicht durch ein für krank erklären – das bringt uns nur in Angst. Nicht durch Jammern - das wäre feige.

 

Die nächste Evolution der Wirtschaft schreit nach vom Wahn Genesenen und Kurierten. Sie schreit nach den ernsthaft Vergnügten, den geschmeidig Widerspenstigen, und den weltoffen Tiefblickenden im business.

 

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