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New Work - die nächste Arbeitswelt

 

Wenn wir planen, ausführen, verbessern, verändern, nachprüfen, das gibt uns innere Struktur und sozialen Halt. Immer noch verbinden wir überall auf der Welt diese Empfindung mit dem Begriff Arbeit. Arbeit als schöpferische Tätigkeit scheint es nur für wenige Menschen zu geben. Im Mittelhochdeutschen bedeutet Arbeit Mühe, Beschwernis, Leiden.

 

Wir träumen so gern davon, ganz von Arbeit befreit zu sein oder wenigstens Arbeit zu machen, die nicht auslaugt.

 

Was ist unsere aktuelle Arbeitsrealität?

Seit ca. 1987 darf man öffentlich davon sprechen, dass unsere Wirtschaftswelt unbeständig, anfällig, verflochten und mehrdeutig ist. Im Englischen nennen die ExpertInnen die Beschreibung dieser Einsicht VUCA. Wer akzeptiert, dass der VUCA-Zustand unsere Wirtschaft bestimmt, die/der begreift, dass Befehlsketten und Zukunftsvoraussagen keinen Sinn mehr ergeben, aber sie/er fürchtet gleichzeitig den Zerfall jeglicher Struktur und das Schreckgespenst einer vollständigen Unproduktivität.

 

Heftig wird jongliert.

Ich sehe in Unternehmen einen skurrilen Fundus von neuen Arbeitsgefängnissen entstehen. Da trifft Remote Work, ein Synonym für oft von Zuhause zu arbeiten, aber mit einer digitalen Zeitkontroll-Fessel auf Rutschen und Schaukeln, die Tische und Stühle im Großraum-Arbeitsplatz ersetzen, gepaart mit dem Dogma, keine Unternehmensentscheidung zu treffen, bevor nicht das digitale Zukunftsorakel befragt wurde, Arbeitsalltag werden. Pseudo- Unbeschwertheit trotz verödeter Beziehungen und Entscheidungslähmung.

 

Es fühlt sich an, als ob uns kollektiv die Angst vor den Unsicherheiten und Mehrdeutigkeiten der heutigen Arbeitswelt so lähmt, dass uns nur noch absurdes Flickwerk für Lösungen einfällt.

 

Seit den 1970ger Jahren träumte der österreichisch- amerikanische Sozialphilosoph Frithjof Harold Bergmann von einer alternativen Organisation von Arbeit, dargelegt in seinem Buch „On being Free“. Mr. Bergman ist in diesem Jahr gestorben. Er sagte: „Es gibt sehr viele Arten, das Leben zu verpassen“. Eine befreite Arbeitswelt sah deshalb für ihn so aus: Der Mensch verbraucht Güter und Dienstleitungen wohl überlegt (smart consumption), wir versorgen uns alle mithilfe von technisch hochentwickelten Tools selbst (high-tech self-providing) und damit eng verbunden, arbeitet jede das, was sie aus tiefstem Herzen gerne tut (new work).

 

Was heute als new work praktiziert wird, hat fast nichts mit Bergmann ´s Utopie gemeinsam. Ein bisschen Freiheitskosmetik kann nicht verbergen, dass wir immer noch nicht sinnlose Arbeit in Frage stellen. Kaum jemand stört sich z.B. an der Zeit und der Energie, die in der 27gste App für das Kalorienzählen verschwendet wurde oder an nachhaltigkeitsbrabbelnden Marketingkampagnen.

 

Unsere Großeltern und Eltern waren Soldaten und Söldner des Industriezeitalters. Unsere Generationen sind auf dem Weg, zu den Clown und Hochstaplern des digitalen Zeitalters zu mutieren. Passt tragisch zusammen: in unsicheren Zeiten üben sich alle im so tun als ob.

Das US-amerikanische Unternehmen Glassdoor vergibt auf seiner on-line Plattform Arbeitsgeber-Bewertungen. Messlatten sind Gehaltsvergleiche, Zusatzleistungen, Qualität von work life balance Angeboten einer Firma.

 

Kununu, eine Tochter der New Work Se aus Österreich wirbt mit dem Slogan: workplace insights that matter. Aber auch hier gängige Messlatten: Entlohnung oder faire Behandlung von Mitarbeitern.

Die Firma statista hat geholfen, die Qualität der Nachhaltigkeit in Firmen in ein Bewertungsprofil zu stecken.

 

Um als ein „Great Place to Work at“ gelistet zu werden, reicht es meiner Meinung nach nicht, nur die Chance auf frische Luft und nette Teambegegnungen zu beklatschen. David Graeber hatte es in seinem 2018 veröffentlichten Buch „Bullshit Jobs“, über Beschäftigungsformen, die sinnlos, absurd und schädlich sind, so trefflich formuliert:

“Hell is a collection of individuals who are spending the bulk of their time working on a task they don’t like and are not especially good at. Übersetzt ins Deutsche: Die Hölle ist eine Ansammlung von Individuen, die die meiste Zeit damit verbringt, an Aufgaben zu arbeiten, die sie nicht mögen und für die sie nur wenig geeignet sind.

 

Wie immer bleibe ich beim Reinspüren in den tiefen Schmerz, den ein Wirtschaftsdogma auslöst, nicht stehen. Was können wir tun, um uns nicht zu oft selbst zu belügen, dass wir etwas Sinnvolles arbeiten, aber tatsächlich doch nur Worte umherschaufeln oder Dreck als wertvoll verkaufen? Um new work ein für Menschen zukunftsfreudiges Fundament zu bauen, ist es entscheidend, Arbeitsplatz- und Fertigkeitsprofile zu entwerfen, die beschreiben, was eine wertvolle Arbeit ausmacht.

 

Statt z.B. in Tätigkeitsanforderungen Ambiguitätstoleranz zu fordern, was so viel bedeutet wie mit Unvorhergesehenem umgehen können, wäre es toll, wenn in einem Skill Profil stehen würde „fähig, Dissonanzen wahrzunehmen“. In einer Arbeitsplatzbeschreibung könnte als Beweis für lebensfreundliche Arbeitsbedingungen stehen „Maschinen kritisch-sensibles Umfeld, nicht robotergeführt“.

 

Solange wir uns nicht auf das Schöpferische im Menschen konzentrieren, bleiben new work Initiativen grelle oder weltentrückte Beziehungskosmetik in Unternehmen.

 

Prüft also die nächste Stellenausschreibung, die ihr lest, auf new work Märchen. Falls ihr selbst Mitarbeiterinnen sucht, bietet ehrliche Pflichten und Freiheiten an.

 

 

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