· 

Familienportale - das Elternsein unter digitaler Beobachtung

Parenting Portals – Informationsplattformen für Eltern  - sind ein riesiger Markt. Mit Kunden, die in einem Metier neu und unerfahren sind und in diesem Zustand mit einem schlechten Gewissen kämpfen, weil sie fürchten, Ansprüchen nicht gerecht zu werden, ist gut Geld zu verdienen.

 

Zahlen aus den USA:

Die US-amerikanischen Mütter kaufen für 2,4 Billionen US ´Dollars Güter rund um ihre Kinder ein. Die Zeitschrift Forbes hat ermittelt, dass die Mitglieder der sogenannten new mom economy, also der sogenannten millenials Mütter, die heute ca. 28 Jahre alt sind, bereits 46 Milliarden US Dollars ausgeben.

 

Wer die Mütter, die das erste Mal schwanger sind, erreicht und bindet, ist als Unternehmen auf lange Sicht fein raus. Denn anders als in Geschäftsteams oder in Spiele, Sport und Kultur communities ist das Gut, um das sich die Aufmerksamkeit dreht, ein biologischer Organismus, der heute mindesten 20 Jahre im Betreuungsfokus der Eltern bleibt. Geschäftsteam bleiben nicht so lange zusammen, Haustiere und Zimmerpflanzen sterben eher.

 

Kinder sind ein Produkt geworden, das jede Gesellschaft als Ausdruck ihrer Potenz sieht, ihrer biologischen Schaffenskraft.

 

Portal klingt bei einem so wertvollen Gut erstmal toll, wie der Wegweiser, die Drehtür, die Schwelle in eine andere Welt, in diesem Fall zu der Einlösung des Versprechens, sich als Eltern nach dem Besuch auf dem Portal besser auszukennen und Ideen zu haben, was man mit seinen Kindern anfängt. Hm.

Schauen wir uns den internationalen Markt an. Was schlagen die Elternplattformen weltweit vor, in was bei Kindern investiert werden soll?

 

Im deutschsprachigen Raum sind Portale für Väter der Renner, wie es Vaterfreuden.de, Freshdads.com oder dadslife.at beweisen. Der stolze Vater, das ist die Erzählung, die die Portale in Endlosschleifen anbieten. Lustige Geschichten erzählen, die nicht der Realität entsprechen müssen und Bilder aus dem Familienleben veröffentlichen, die gestellt und geschönt sind, das ist die stereotype „Mach einen guten Eindruck!“ Botschaft fast aller Vaterplattform. Der Karrierevater ist kein Schlappschwanz - das müssen Väter öffentlich beweisen. Meine kritische Anmerkung: Väter werden beschäftigt, nicht entlastet und schon gar nicht hinterfragt. 

 

Nun nach Asien.

China Um eine Bevölkerungsexplosion zu vermeiden, hatte der chinesische Staat Eltern die sogenannte Ein Kind Politik verordnet. Es durfte nur ein Kind pro Elternpaar gezeugt werden. Von 1979 bis 2015 war Elternsein vom Staat geregelt.

Heute hat China innerhalb von 5 Jahren die Entwicklung vollzogen, für die wir im Westen mehr als 150 Jahre Zeit hatten – Kindheit als geschützter Zeitraum, in dem ein Mensch wie wir es nennen, erwachsen wird.

 

Nun zu China und Eltern heute. Die größte chinesische Handelsgruppe, die Alibaba Group Holding Ltd hat ein strategisches Investment gemacht, indem sie sich 10 Prozent der Geschäftsanteile am chinesischen on-line Eltern Portal Babytree Inc., aus Beijing, gesichert hat. Die Firma wird seitdem mit einem Geschäftswert von US $ 2 Milliarden Geschäftswert gehandelt.

 

Wie sieht der Portalalltag aus? Eltern teilen ihre Geschichten und Tagebücher über ihren Alltag mit Kindern, Experten können befragt werden, Mütter können Babyhygieneprodukte und firmeneigene Lernprodukte einkaufen. Jeden Monat erhalten Eltern, die ein Kaufabonnement gezeichnet haben, eine Box mit Multimedia Spielen, Spielzeug und Büchern, die ihre Kinder begleiten sollen.

 

Dieses Angebot wirkt auf mich, als würde Eltern sein eine als eine sofort anzuzapfende, neue Konsumleistungsfähigkeit gesehen, nicht als Reifungsprozeß in eine kulturelle Rolle. Die Eltern, die auf Babytree posten und kaufen, sehen sich wahrscheinlich nie persönlich. Jedes Elternpaar oder Elternteil kreist um sich selbst und hat nur den Konsum als Ventil.

 

Nach Indien.

IndianParenting.com , Confused Parent: BabyChakra – das sind drei große Anbieter auf dem indischen Elternportalmarkt. Indien, die größte Demokratie der Welt, die Kinder als Arbeitskräfte kennt, aber nicht als zu beschützende Altersgruppe. So probieren die Anbieter von Elternplattformen aus, was man den modernen Eltern denn alles als Produkt anbieten könnte.

 

Die indischen Plattformen bieten daher ein buntes Allerlei aus Serviceleistungen an: Erziehungs, Gesundheits, Lerntipps werden gepaart mit Übungen für gute Manieren und oder einem Test des Intelligenzquotienten der Kinder. Messwerte jeder Art wie ein Eisprung- berechner, für die Berechnung der besten Zeit für Empfängnis oder ein Geburtstermin Kalkulator werden auch angeboten. Ernährungssvorschläge und Kindernamen finder sind ebenfalls im Angebot.

 

Welche Qualität hat das indische Beratungs - und Empfehlungsprogramm für Eltern?  Das Niveau der Services kratzt an der Oberfläche von Elternexistenz. Eine Flut von Einzelinformationen wird über Eltern ergossen, die letztendlich zum Verhalten nach Versuch und Irrtum und nicht zum überlegten Handeln auffordert. Eltern in Indien geben jetzt erst auch der Vorstufe zur Schulausbildung für ihre Kinder eine Bedeutung.

 

In dieses Vakuum, ich nenn es mal , ein noch nicht festgefahrenes gesellschaftliches Bewusstsein, eine gewissen Unentschiedenheit, wie man Kinder als Kulturgut behandeln soll, stoßen Elternportalanbieter, die das Verhalten von Eltern in ein Konsum Versuchslabor stecken, nach dem Motto: mal schauen, was leicht zu verkaufen ist .  Und die neugierigen, indischen gut verdienenden millenials Eltern stellen sich für diese Verhaltensverschsreihe zur Verfügung.  

 

USA

Gesellschaftliche Dauerbrenner zu entschärfen, ist auch im Westen nicht das Anliegen der US-amerikanischen Elternportale. Für US amerikanische Portale sind Kinder klar Lifestytelinstrumente. Für den US-amerikanischen Markt greife ich fatherly und motherly heraus. Fatherly ist auf den millenials Vater ausgerichtet, Hinweise und Kaufempfehlungen haben immer diesen hippen, lockeren „das lässt sich schnell ändern oder richten“ Ton, der Väter zur Selbstüberschätzung verführt. Die psychologischen Experten sind selbst ernannt, die Tipps des Redaktionsteams seicht. Immerhin werden auch ElternSexualität und Minderheitsfamilien als Themen angeboten. Motherly bietet das gleiche Selbstdarstellungs-und Konsumzelebrierprogramm für millenials Mütter an.

 

Nachhaltig darf es auch schon sein

Da nachhaltig sein für Kunden attraktiv geworden ist, gibt es bereits auch ein ökosensibles Angebot. Umweltbewusste Celebrities sind die Gesichter der nachhaltig ausgerichteten Elternportale. Hier findet man, wie z.B. auf the Honest Company der Schauspielerin

Jessica Alba, nur Produkte, die für Kinder und Babies gesundheitlich ungefährlich sind.

 

Nachdem ich in die Welt der Elternportale hineingeleuchtet habe, bin ich erschöpft. Das mainstream Angebot hat so wenig für die reale Welt im Elternalltag zu bieten, das ich mich frage, was junge Eltern in diesen endlosen Hochregallagern von standardisierten Kinderbearbeitungsprodukten suchen. Eine harmlose Phantasiewelt, in der man Eltern sein spielt, sind diese Angebote nicht. 

 

Was brauchen junge Eltern?

-         Menschen, die ihren Humor, ihren Weitblick und ihre Unerschrockenheit aktivieren

-         Schlaf

-         das Gefühl, sich auch noch als Mann oder Frau sehen zu dürfen

-         Schutzhütten gegen das Gedankengift, dass nur effiziente Kinder eine Zukunft haben

-         Ermutigung gegen das Vorfertigte und Geplante

-         Angstfreiheit vor Konflikten

 

Anstelle von immer wieder den Einheitsbrei von Kinderkochen, Elternwandern und Familienfeiern vorgesetzt zu bekommen, wie schön wäre es, Portale zu betreten, die uns über ihre Schwelle in die weder sentimentale noch erpresserische Liebe zu unseren Kindern führen.

 

###